Geschafft

Gestern durfte ich die geheiligten Hallen verlassen. Es tut gut wieder in Freiheit zu sein, meinen Kaffee zu trinken wann und wo ich will und vor allem zu rauchen wann und wo ich will ;-) Letztendlich war es dann doch nicht so schlimm wie erwartet, aber die Eindrücke sind es schon wert festgehalten zu werden.

Tag 1 – Ankunft in der Klinik:

Die Aufnahmeprozedur verlief zum Glück reibungslos und ohne längere Wartezeiten und eh ich mich versah, war ich auf der Station gelandet und durfte mein Zimmer beziehen. Es war in etwa das, was ich erwartet hatte, aber auf den 2. Blick ziemlich ernüchternd. Das Radio sah aus als wäre es kurz nach dem letzten Weltkrieg angeschafft worden und wie bitte soll man bei einer Körperhöhe von 1,69 ein Schrankfach in 2 Metern Höhe erreichen? Das Bad hatte bestenfalls den Begriff Nasszelle verdient – nun ja – ich war in der Klinik und nicht im Hilton. Immerhin war mein Bettchen frisch bezogen und der Fernseher funktionierte – wenn auch mit einer ziemlich beschränkten Programmauswahl. Einziger Lichtblick: Es wurde mir direkt angekündigt, dass ich mein Zimmer mit einer Patientin teilen würde und der Horror vor einsamen Tagen und Nächten schwand dahin. Meine ‚Leidensgenossin‘ kam kurz nach mir an. Wir kamen schnell ins Gespräch, entdeckten Gemeinsamkeiten und waren wohl beide froh, dass man ausgerechnet uns zusammen gepackt hatte. Den Rest des Tages durften wir noch in relativer Freiheit genießen, sprich: Wir konnten uns noch frei im Klinikum bewegen, wenn wir nicht gerade Tabletten schlucken oder zur Untersuchung mussten.

Tag 2 – Weggesperrt:

Bevor wir mittags unsere Bestrahlung bekommen sollten, durften wir noch ein letztes mal die Station verlassen und einkaufen gehen. Also noch schnell Schoki, Lektüre und einen Labello besorgt, weil mir die Klimaanlage bereits nach der ersten Nacht fast den Rest gegeben hatte und sich meine Lippen wie Schmirgel-Papier anfühlten – von meiner Nase ganz zu schweigen! Zeit für einen Automaten-Espresso in der Cafeteria und eine letzte Zigarette unter Menschen hatten wir dann auch noch und sinnierten darüber nach, wie wohl die nächsten Tage werden würden.

Die Bestrahlung wurde wie ein Kaffee-Kränzchen zelebriert. Der Tisch wurde festlich mit Moltex-Unterlagen und Plastik-Bechern gedeckt, bevor wir uns mit unserem Jod 131 zuprosten durften und uns zwangsweise verseuchten. Es durfte kein Tropfen daneben gehen, sonst wäre gleich die ganze Bude kontaminiert gewesen und hätte dicht gemacht werden müssen. Allein diese Ankündigung erweckte das Gefühl eines wandelnden Reaktor-Unfalls.

Den Rest des Tages verbrachten wir auf Nikotin-Entzug im Zimmer und sehnten den Abend herbei in der Hoffnung, dann wenigstens mal kurz für eine Zigarette vor die Tür zu dürfen. Zum Glück hatte meine Nachbarin ihren Laptop und ein paar DVDs dabei und wir hatten so wenigstens ein bisschen Ablenkung.

 

Nette Aussicht auf unsere Notausgangstür

 

Tag 3 – Klinik-Alltag:

Unsanftes Wecken gegen 7:00 Uhr, Spritze, Blutentnahme, Messung der Rest-Strahlung und warten aufs Frühstück. Wir lebten nur noch von einer Mahlzeit bis zur nächsten und stahlen uns, so oft wir durften, wie Diebe auf der Flucht zum Rauchen vor die Tür. Unsere Tage waren inzwischen gut strukturiert und organisiert, so dass keine Langweile aufkam. Die immer wieder herbeigesehnten Mahlzeiten waren allerdings auch alles andere als ‚Hilton-like‘. Okay – die Portionen waren ausreichend (wenn man bedenkt, dass wir ja den ganzen Tag nichts tun konnten und nur wenig Bewegung hatten) und essbar, aber alles andere als vollwertig. So hatte ich zB für diesen Tag zum Abendessen eine Käseplatte gewählt und freute mich schon Stunden vorher auf eine nette Auswahl diverser Käsesorten. Die Ernüchterung kam, sah und siegte. Eine einsame Käsescheibe neben dem Viertel einer Treibhaustomate auf einem anwelktem Salatblatt … dazu ein Schälchen luftig aufgeschlagener Kräuterquark. Tolle Käseplatte!

Tag 4 – Dito:

Der Doc eröffnete mir während der Visite, dass ich mir einen Entlassungstag noch in der laufenden Woche aussuchen darf. Verständlicherweise wählte ich den nächstbesten Tag und freute mich bald die Stunden zählen zu können. Jetzt galt es nur noch Daumen zu drücken für meine Bettnachbarin, auf dass sie auch noch am Wochenende nachhause durfte.

Tag 5 – Entlassung:

Die Stunden vergingen fast wie im Flug. Nachmittags hieß es Abschied nehmen und dann endlich Klinik ade!
Hoffe, ich muss – von meinen Kontrolluntersuchungen abgesehen – so schnell nicht wieder hin. Sprich, dass die Bestrahlung Erfolg hatte und nicht wiederholt werden muss. Falls doch, weiß ich nun wenigstens was mich erwartet und was ich unbedingt auf die Liste der Dinge setzen muss, die ich mitnehmen muss. Apropos Liste: Am letzten Abend bekamen wir dann doch noch einen Bewertungsbogen ausgehändigt, der auch Platz für Anmerkungen und Anregungen bot. Es wurde eine lange Liste und ich hätte glatt noch ein paar Zeilen brauchen können ;-)

 

 

Strahlenopfer???

 

Dear A., whenever you will read it – we had a good time together, lots of fun and interesting conversations. I’m glad about to got you know. I’m thinking of you and wish you a good time in freedom ;-) Excuse my bad English – you know, I’m out of practice. Hope, we’ll see soon.

Advertisements

2 Kommentare

  1. Das klingt nicht wirklich gemütlich, aber mit jemandem ein Zimmer teilen zu können, wenn man das schon muß, der einem die Zeit eher netter als schlimmer werden läßt, das ist doch schon was Gutes. Hoffentlich hast du damit den nötigen Erfolg erreicht. Die Käseplatte lohnt sich echt nicht, wiederzukommen.

    Gefällt mir

  2. Oh ja … DAS war mehr als positiv und ein echter Glücksgriff ^^
    Nee … für die Käseplatte lohnt es echt nicht. Auch wenn ich eigentlich der Fairness halber hätte erwähnen müssen, dass meine 2. Käseplatte am Donnerstag dann doch etwas besser war. Da gab es immerhin 4 Sorten(!) zur Auswahl … welch ein Luxus.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s