Am Brunnen

Manchmal versinkst du, fällst
hinab in dein Schweigeloch,
in deinen Abgrund stolzen Zorns,
und mühsam nur
kommst du wieder heraus, behaftet noch
mit den Fetzen dessen, was du findest
in der Tiefe deines Daseins.

Meine Liebe, was findest du
in deinem verschlossenen Brunnen?
Algen, Morast, Felsbrocken?
Was siehst du mit blinden Augen,
grollend und verwundet?

Mein Leben, du wirst
in dem Brunnen, worein du fällst,
nicht finden, was ich dir oben aufbewahre:
einen Jasminzweig voll Tau,
einen Kuss, noch tiefer als dein Abgrund.

Fürchte mich nicht, fall
nicht aufs neue in deinen Groll.
Schüttle ab mein Wort, das kam, dich zu verletzen,
und lass es davonfliegen, zum offenen Fenster hinaus.
Es wird zurückkehren, um mich zu verletzen,
ohne dass du es lenkst,
denn es wurde geladen mit einem harten Augenblick,
und dieser Augenblick wird entschärft in meiner Brust.

Lächle mich strahlend an,
wenn mein Mund dich verletzt.
Ich bin nicht der sanfte Hirte
aus dem Feenmärchen,
sondern ein rechter Holzfäller, der mit dir
Erde, Wind und Dornen der Berge teilt.

Liebe mich, du, lächle mich an,
hilf mir gut sein.
Verletze dich nicht an mir, es wäre unnütz,
verletze nicht mich, du verletzt sonst dich.

Pablo Neruda (1904-1973)

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