Heldin im Chaos

Um es gleich vorweg zunehmen – hier geht es nicht primär um mein Umfeld, sondern um den Blog der Heldin im Chaos, der mich seit gestern nicht mehr loslässt. Dieser (dieses, wie auch immer) Blog ist seit fast 24 Stunden in meinem Browser dauergeöffnet. Gestern lag hier alles brach – nur das Nötigste wurde erledigt, Essen wurde nebenbei reingeschaufelt, habe förmlich am Läppi geklebt, bis mir spät abends fast die Augen zugefallen sind und ich – noch fast widerwillig – die Klappe erstmal zugemacht habe.

Geschrieben von einer Gynäkologin, die sich Josephine nennt (ob es ihr tatsächlicher Name ist, weiß ich nicht), die 3-fache Mutter und Ehefrau ist, eine Teilzeitstelle in einer Klinik innehat und sich neben Zweibeiner an allen Fronten auch noch um diverse Vierbeiner kümmert. Aber nicht genug mit dem Spagat zwischen Kochtopf und Kreißsaal, Brutpflege und OP, Familie und endlosen Bereitschaftsdiensten – nee, sie schafft es nebenbei auch noch zu schreiben und das auf eine locker-flockige Art, dass man nicht genug kriegen kann. Eben so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist (Frau möge mir den Ausdruck verzeihen) berichtet sie über Schwangerschaft und Geburt, schöne und weniger lustige Begebenheiten und natürlich auch über Leid und Tod. Letzteres in ganz leisen Tönen, die einem bisweilen echt ans Herz gehen.

Während meines Lesemarathons sind viele, längst verschollen geglaubte, Erinnerungen wieder wach geworden. An die Zeit meiner eigenen Ausbildung, meinen ersten Einsatz als Frischling ausgerechnet auf einer Gyn-Station – besser gesagt die Wochen- und Neugeborenenstation. An den Horror vor dem Einsatz, weil Gyn-Schwestern in unserem Haus irgendwie einen Sonderstatus innehatten und ihnen der Ruf vorauseilte, nicht gerade die Umgänglichsten zu sein. Ich hatte damals noch nicht das beste Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Patienten – „Boa – manche Frauen stellen sich ja echt an. Was bitteschön kann so schlimm sein an einem kleinen Bauchschnitt, dass da so ein Affentanz veranstaltet wird!??“ Gemeint waren diese Frauen, die nach einer Sectio (Kaiserschnitt) nur mit Mühe wieder auf die Beine kamen. Erst gut 10½ Jahre später wurde ich eines besseren belehrt.

Aber es gab auch aufregende Momente während dieses ersten Einsatzes. Meine erste und (fast) einzige Sectio. „Ob ich denn Lust hätte, mal eben bei einer Sectio zu assistieren – bisschen Haken halten, also nix schlimmes. Ein Assi wäre ausgefallen und man bräuchte dringend Ersatz.“ Und ob ich Lust hatte! Allein die Vorstellung, dass ICH, das Küken, nicht nur hinter die Kulissen der großen Mediziner blicken durfte, sondern ganz unverhofft auch noch live und in Farbe dran teilhaben durfte – Waaahnsinn!!! Okay – das bisschen Haken halten gestaltete sich doch wesentlich anstrengender als erwartet (glaube, ich hatte noch 2 Tage später Muskelkater – vom Schlottern meiner Arme direkt nach dem Eingriff mal ganz abgesehen) und auch die Aufregung war nicht minder groß – zumal der große Zampano (Chefarzt) höchst persönlich operierte und die aller obersten in einer Krankenhaushirarchie einer kleinen Schwesternschülerin generell erstmal Angst einflößen. Aber das gesamte Team war einfach toll, hat mich unterstützt und dieses Geburtserlebnis hat alles andere aufgehoben. Ich bin tagelang geschwebt und der Neid meiner MitschülerInnen war mir sicher.

Weniger schöne Begebenheiten kommen bei solchen Gedankenreisen in die Vergangenheit natürlich auch unvermeidlich wieder an die Oberfläche. So zB die Gedanken an Dr. M., Gynäkologe, der seinerzeit bei besagtem Kaiserschnitt mit von der Partie war und außerdem unser Dozent für Pädiatrie. Eines abends – er hatte einen arbeitsintensiven Bereitschaftsdienst plus normalem Dienst bereits hinter sich und durfte anschließend bis 17:30 Uhr auch noch Unterricht abhalten – ist er auf dem Heimweg gegen einen Baum gefahren. Tot. Großes Schweigen als wir es erfuhren, denn wir hatten alle während dieser letzten Unterrichtsstunde schon gemerkt, wie fix und alle dieser Mann war. Durchatmen…

Last but not least kommt natürlich auch wieder die Erinnerung an meine eigene Schwangerschaft…

 

 

Dieses Wunder der Natur, dessen Werden und Bestehen nichts selbstverständliches ist. Meine bange Frage damals, ob ich diesen kleinen Zwerg behalten werde und eines Tages im Arm halten werde? Oder auch verliere, kaum dass er da ist, so wie Zwerg № 2 :-(

Gottlob, ich habe sie behalten und denke natürlich noch gern an den Tag ihrer Geburt zurück. Sie war schon damals eigenwillig (wollte sich doch partout nicht drehen, das kleine Scheißerchen) und eilig hatte sie es dann auch noch. Blasensprung 2 Tage vorm errechneten Termin, ab in die Klinik – Kindsvater in der Ferne. Natürlich in das Krankenhaus, an dem ich auch meine Ausbildung absolviert hatte, weil das nächstgelegene. Ich hatte Schiss ohne Ende – vor allem WEIL ich wusste, dass es ein Kaiserschnitt werden würde und WEIL ich wusste, wie das abgeht. Es ist schon überaus unschön, wenn literweise Fruchtwasser unkontrolliert aus einem rausläuft – manch‘ mitlesende Mama, die das schon erlebt hat, wird mir da sicher beipflichten – aber dann noch die Vorstellung, man könne bei diesem Procedere auch noch an ehemalige Mitarbeiterinnen oder Ärzte geraten, mit denen man nicht so gut konnte – Hilfeee!

Um es kurz zu machen – es waren keine Schreckschrauben in Sicht. Und als mich der altvertraute spanische Oberarzt* mit den Worten „Na, dann wollen wir mal Ihr Kindlein holen“ begrüßte, da hab‘ ich mich richtig sicher und gut gefühlt. Und wie er mein Kindlein geholt hat! Alles Bestens :-)

Diejenigen, die meinen Blog schon länger besuchen, wissen, was aus dem kleinen Klümpchen geworden ist. Meine Süße, die auch nach nunmehr 18 Jahren noch immer mein ganzer Stolz ist. Katha – ich liebe dich über alles!

Uff – habt ihr bis hierher durchgehalten? Schön :-) Falls ihr Lust habt noch mehr Aufregendes rund ums Thema zu lesen, dann schaut doch mal bei der Heldin vorbei – lohnt sich wirklich.

(*Ausgerechnet besagter Oberarzt war auch noch Jahre vorher mein Dozent in Gynäkologie. Dieser spanische Akzent – und dann auch noch ein Redefluss wie ein Wasserfall – man hatte echt Mühe da noch mitzukommen. Aber echt ein toller Arzt!)

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9 Kommentare

    1. Ach ja … ist auch schön mal wieder in ganz alten Erinnerungen zu kramen ;-)

      Aber der Blog der Heldin hat auch wieder mein Bewusstsein dafür geschärft, dass Dinge, die man geneigt ist als selbstverständlich hinzunehmen, eben nicht so sind.

      Ich bin noch lange nicht durch – fehlt noch fast ein volles Jahr. Werde aber wohl nicht eher ruhen, bis ich nicht auch noch den letzten Eintrag gelesen habe ^^

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  1. whow – isch muß gerade mal schneuzen…
    vielen dank für die sehr, sehr netten worte! und: wunderschön geschrieben :)

    liebe grüße aus dem chaos von
    josephine

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    1. Lass das Taschentuch stecken… und – bitte – gern geschehen ;-) Dein Blog hat es ja auch wirklich verdient.

      Genauso müsste ich DIR danken – wegen der Erinnerungen, die durch dich wieder ausgegraben wurden ^^

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