Rotkäppchen und der böse Wolf

Gefunden auf swiss-lupe.blogsot.com

 

Wer läuft da so spät durch Nacht und Wind?
Es ist die Mutter mit ihrem Kind;
Sie hat das Mädchen wohl in dem Arm,
Sie faßt sie sicher, sie hält sie warm.

Rotkäppchen, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst Mutter, du den Wolf dort nicht?
Den bösen Wolf mit Kron und Schweif? –
Rotkäppchen, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel‘ ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

Mein Mamchen, mein Mamchen, und hörest du nicht,
Was der böse Wolf mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

„Willst, kleines Rotkäppchen, du mit mir geh’n?
Ich versprech‘ dir ein Leben gar lieblich und schön;
Mein Herz soll voll Liebe für immer sein –
Wirst du mir vertrauen und willigst ein?“

Lieb Mamchen, lieb Mamchen, und siehst du nicht dort
Des Wolfes Familie am düstern Ort? –
Rotkäppchen, mein Kind, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“
Oh Mamchen, oh Mamchen, jetzt faßt er mich an!
Der böse Wolf hat mir ein Leids getan! –

Der Mutter grauset’s, läuft nicht mehr geschwind,
Sie hat es verloren, das arme Kind,
Nicht einfach nur irgendwo vergessen;
Der Wolf hat’s Rotkäppchen gefressen.

Frei nach: Der Erlkönig von Johann Wolfgang von Goethe

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4 Kommentare

  1. Das ist ja schrecklich, das arme Rotkäppchen. Ich persönlich finde das Grimm’sche Rotkäppchen nicht so gut. Ein vollkommen passives, naives Mädchen, das noch nicht einmal aus eigenem Zutun die Blumen pflückt, geschweige denn sich selbst retten kann. Im 19. Jhdt. wurde das Märchen, welches es wohl vorher schon gab, nochmals auf das damalige Frauenbild zurechtgeschnitten. (Ursprünglich soll es wohl auch etwas mit einem Initiationsritus – Gefressenwerden durch Ungeheuer – zu tun gehabt haben, wurde dann aber zur Warnung der naiven Mädchen vor bösen Männern umfunktioniert. Sieht man es von der ursprünglichen Seite, d. h. als Initiationsritus, so kommt man nach dem Gefressenwerden ja auch irgendwie wieder raus aus dem Bauch des Ungeheuers. ;-)

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    1. Wenn dir die Grimm’sche Version nicht zusagt, dann empfehle ich dir wärmstens Die Geschichte vom Rotkäppchen – Ursprünge, Analysen, Parodien eines Märchens von Hans Ritz, erschienen 1985 im Heyne-Verlag. Gibt’s noch in antiquarischen Buchhandlungen, oder online bei abebooks.de – da hab ich es letztens noch mal nachgekauft, weil mein Exemplar schon so abgegriffen war ;-)

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