Religion und Kultur

Es spricht von Kultur die Menschheit,
die Kirche von Religion,
baut Paläste den schönen Künsten,
aus Gold des Allmächtigen Thron.
Sie lauschet entzückt den Klängen,
die Mozart fürs Menschenohr fand,
bewundert voll Demut die Werke
eines Goethe, Schiller und Kant.

In Domen voll Gold und Silber,
beleuchtet vom Kerzenschein,
den Allerhöchsten zu ehren,
sich findet die Menschheit ein.
Sie beten fürs Heil der Seele,
zur Abwehr von Krankheit und Not,
für sorglos frohes Leben,
für ruhig sanften Tod.
Sie spenden milde Gaben,
zu seh’n sich im Glorienschein,
um nicht zu fahren zur Hölle,
um dereinst im Himmel zu sein.

Und draußen vorm hohen Portale
jenseits von Wärme und Pracht,
liegt zitternd und frierend ein Kätzchen
in eisig klirrender Nacht.
Vom Hunger zermürbt, vom Sturm umbraust,
die Pfötchen erfroren, das Fell zerzaust,
nur leise wimmernd vor Schmerz und Not,
wartet still und verlassen auf grausamen Tod.

Und die Ihr gebetet vor gold’nen Altaren,
daß der Schöpfer Euch möge erhalten, bewahren,
habt ihr in Wärme und leuchtender Pracht
auch dieses Gottesgeschöpfes gedacht?
Laßt fehlen an Euren Palästen
nur wenig vom Marmorgestein,
laßt fehlen in Euren Kirchen
von Gold einen kleinen Schrein.
Davon gegen Hunger und Kälte
schützt leidende Kreatur,
erst dann habt ein Recht Ihr zu reden
von Religion und Kultur.

Bruno Schulz (1892-1942)

 

Vor etlichen Jahren hat ein Bekannter dieses Gedicht zum Heiligabend in der Tageszeitung abdrucken lassen. Ich fand es damals nur allzu wahr und bemerkenswert, habe es ausgeschnitten und aufbewahrt. Heute Morgen kam es mir wieder in den Sinn – vielleicht wegen dem lausigen Wetter, vielleicht weil hier ein Kätzchen munter herumturnt und nicht hungern und frieren muss, oder vielleicht einfach nur weil Weihnachten ist. Deswegen jetzt und hier – auch weil ich es immer noch bemerkenswert finde und es zum Nachdenken anregt.

 

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8 Kommentare

    1. So fröhlich wird es dieses Jahr nicht werden, aber trotzdem Danke, Emil. Dasselbe wünsche ich dir.

      P.S. Das Neujahrsgedicht kenne ich gar nicht. Wo findet frau das?

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