Der Tisch


 

Neunzehn Jahre hat er mein Leben begleitet, hat gute und auch schlechte Zeiten mitgemacht und war immer standhaft und unerschütterlich. Er war einfach da und seine Existenz wurde auch nie infrage gestellt. Mein Ex-Schwiegervater hat vor vielen Jahren einmal etwas geäußert, was mir immer im Gedächnis blieb: Einem Esstisch muss man ansehen, dass an ihm gelebt wird. An diesem Tisch wurde gelebt – keine Frage – und man sah es ihm schon an, lang bevor er richtig in die Jahre kam, denn an ihm wurde nicht nur geschnippelt, Teig gerollt und gegessen und auf ihm haben sich nicht nur Ken & Barbie vergnügt.

Katha hat an ihm essen gelernt, unzählige Stunden mit Malpapier und Stiften an ihm verbracht, ihre ersten Hausaufgaben dort gemacht und für ihre letzten Klausuren gepaukt. Unzählige kleine Löcher wurden in seine Platte getackert, Buchstaben wurden eingeritzt, vergessene Zigaretten haben ihre Spuren hinterlassen und Generationen von Putzlappen haben seinen Lack schon an einigen Stellen zum Verschwinden gebracht. Er hat Menschen kommen und gehen sehen, sehr viele schöne, romantische und auch chaotische Stunden erlebt, angeregte Unterhaltungen, Lachen und Freude. Aber auch hitzige Diskussionen, heftige Streits, viele Tränen und das große Schweigen.

Letztendlich wurde er irgendwie unbequem, denn mit seinen stolzen 1,80 Metern war er eigentlich von Anfang an viel zu groß für meine viel zu kleine Küche. Ich war es leid mich an ihm vorbeizuquetschen, seine ramponierte Platte tagtäglich zu sehen und ihm immer wieder seine provisorischen Tischbeinerhöhungen anschrauben zu müssen, wenn er zwischendurch einmal die Küche verlassen hatte. Also musste er schließlich Platz machen für etwas neues aus dem schwedischen Möbelhaus, was deutlich kleiner, aber auch funktionaler ist.

Mein Ex-Mann hat diesen Tisch einst zusammengebaut, ich habe ihn letzte Woche zum ersten Mal in seine Einzelteile zerlegt. Für einen Moment hatte ich das Gefühl wieder einmal mit einem Kapitel endgültig abgeschlossen zu haben. Eigentlich ein Grund zur Freude, aber ich bin nicht wirklich glücklich. Nicht glücklich mit dem Neuen. So sehr ich mich auf einen Neuanfang mit einer jungfräulichen Tischplatte gefreut hatte, ist mir eben diese Platte jetzt ein Dorn im Auge. Sie ist ungewohnt und fremd und scheint hier irgendwie nicht hinzugehören. Am Montag fand bereits die erste Krisensitzung im Kreis der Hausgemeinschaft statt. Man hat mir Mut gemacht dem Neuen doch wenigstens eine Chance zu geben, doch noch bin ich skeptisch.

Der Alte steht nun im Keller, der eigentlich nur als Zwischenlager gedacht war, weil ich den Tisch verkaufen wollte. Doch gestern habe ich ihn mit Freude wieder zusammengebaut, weil wir abends grillen wollten und er als Essplatz gerade recht kam. Es werden nun hoffentlich noch ein paar ähnliche Abende folgen, denn so habe ich zumindest einen guten Grund ihn nicht direkt wieder zerlegen zu müssen und kann mir in Ruhe überlegen, was aus ihm werden soll. Wer weiß, ob ich es jemals schaffe mich von ihm zu trennen ;-)

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4 Kommentare

  1. Was für eine Geschichte über einen Tisch … da kriet man ja … Tränen … sniff.
    Aber mit dem neuen fühle ich auch mit. Der ist bestimmt auch etwas enttäuscht.
    Gruß, tastecup

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    1. Hätte ich auch nur eine dieser Outdoor-Möglichkeiten, wäre er garantiert dort gelandet :-)

      Immerhin war er am Mittwoch schon einmal kurz draußen – beim Grillen, vor dem großen Regen! Wenn das Wetter hoffentlich bald wieder besser wird, wird er sicher wieder mal raus dürfen ;-)

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