Vorgestern beim Italiener


 

Eigentlich wollte ich nur einen Kaffee trinken und die Sonne ein bisschen genießen. Aber kaum hatte ich den Zucker in meinem Espresso umgerührt und die Zeitung aufgeschlagen, trat Ana, die Frau meines Lieblingsitalieners, an meinen Tisch. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, auch wenn ich mein Getränk schon bekommen habe, aber ich merkte sofort, dass sie etwas ganz bestimmtes loswerden wollte.

„Weißt du, wen ich heute gesehen habe?“
„Äääh – nein?“ Aber ich hatte schon eine vage Vorstellung.
„Heute Morgen beim Bäcker habe ich M. gesehen.“ Bingo!
„Ach – er lebt noch?“, war meine ziemlich lapidare und reichlich dämliche Antwort. Ehrlich gesagt wusste ich nicht wirklich, was ich da sonst hätte zu sagen sollen, aber das war auch egal, denn sie redete schon fröhlich weiter.
„Jaaa – und er sah gut aus. Schöne (H)aare, bisschen kürzer und sehr gepflegt.“
„Wie schön.“

Wieder sehr geistreich, aber ich wusste immer noch nicht so recht, wie ich darauf reagieren, respektive was ich dazu sagen sollte. Um ihr zu signalisieren, dass ich eigentlich keine große Lust hatte über M. zu reden, vertiefte ich mich wieder in die Zeitung.

Aber ich konnte mich nur noch schwer auf das konzentrieren, was ich las und der Espresso schmeckte auf einmal irgendwie schal. All die Jahre der Funkstille und des Nicht-Sehens waren plötzlich wie weggewischt. All die Gedanken der letzten Jahre, dass er wahrscheinlich längst hier weggezogen ist, weil es sonst einfach nicht sein kann, dass man sich nie über den Weg läuft, mutierten mit einem Schlag zur Gewissheit, dass ich mich wohl geirrt hatte.

Seitdem muss ich ständig an ihn denken und kann es nicht abstellen. Habe Sehnsucht und doch Angst ihn wieder zu sehen. Allein der Gedanke, dass er mir vielleicht näher ist, als ich die ganze Zeit dachte, macht mich irgendwie froh – aber das darf nicht sein.

Nein. Nein. Nein.

Verdammt!

Advertisements

6 Kommentare

    1. Sein eigener Troll? Das musst du mir bitte erklären – dito worauf sich der erste Satz deines Kommentars bezieht :-s

      P.S. Mir scheint, es fällt mir immer schwerer männliche Gedankengänge zu ergründen.

      Gefällt mir

  1. Also ich sehe es jetzt nicht als Widerspruch – eher als ein Verbot, oder bemühten Unterdrücken eines Gefühls.

    P.S. Sein eigener Troll zu sein, setzt doch schon leicht schitzophrene Züge voraus – oder meinst du nicht?

    P.P.S. Hab gerade mal nachgeschaut. Niemand hier außer mir. Und natürlich der Katz – aber die trollt sich höchstens selbst ;-))

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s